Eheberatung sinnvoll?

Thema: Eheberatung

Eheberatung: sinnvoll, wenn Trennung droht?

Eheberatung. Klar, das Wort hat wohl jeder schon mal gehört. Und man denkt an nichts Gutes, wenn man es hört. Schließlich bedeutet der Gang zur Eheberatung, dass die Beziehung in einer Krise steckt, aus der sich die Partner alleine nicht mehr zu befreien wissen. Einer der letzten Hoffnungsschimmer, ein Strohhalm, das ist sie, ebenso wie die Paartherapie, die der  Eheberatung oft vorausgeht. Aber ist sie sinnvoll? Wie ist die Erfolgsquote, sind die Erfolgsaussichten so vielversprechend, dass sie diesen Weg wirklich sinnvoll erscheinen lassen?

50%. In Amerika, nicht bei uns. 50%, das ist die Erfolgsquote der Eheberatung, wenn man der Studie von Jacobson/ Addis aus 1993 glaubt. Gerade einmal die Hälfte. Vier Jahre nach der Eheberatung, so die Erfahrungen, sind 40% der Ehen bereits geschieden, und je weniger Kinder im Haushalt leben, je mehr individuelle Probleme existieren und je größer eventuelle Erziehungsschwierigkeiten sind – um so wahrscheinlicher ist das Scheitern der Eheberatung, sagen andere Forscher im selben Jahr. Erscheint die Eheberatung bei solchen Erfahrungen da noch sinnvoll? Ganz zu schweigen von einer Paartherapie?

 

Gut, das muss ja bei uns nicht genauso gelten – ist schließlich Amerika, da ticken die Uhren ja ohnehin anders. Bei uns sieht das vielleicht anders aus, ist die Eheberatung möglicherweise sinnvoller, sind die Erfahrungen besser. Denkt man vielleicht. Hofft man wahrscheinlich. Wie sieht´s denn im deutschsprachigen Raum aus? Selbst unter Einsatz der wirksamsten Therapieansätze liegt die Erfolgsquote der Eheberatung bei maximal 50%. Im deutschsprachigen Raum dagegen bei nur 25%. Sagen ein Jahr später, 1994, Klann und Hellweg. Eheberatung sinnvoll? Scheinbar wohl nur unter besonderen Voraussetzungen.

 

Wie ist es dann zu erklären, dass manche Anbieter damit werben, erheblich höhere Erfolgsquoten aufzuweisen? Das liegt oft an der Zählweise und der Definition für “Erfolg”. Ein Erfolg kann es für eine Eheberatung nämlich auch sein, wenn die Partner erkennen, dass die Ehe nicht mehr zu kitten ist – und sich trennen. So betrachtet, sind die Erfolgsaussichten natürlich gleich viel größer – auch wenn sie mit dem, was die Ehepartner erreichen wollen, zum Teil nicht mehr viel gemein haben.

So wird denn auch als Voraussetzung für eine Eheberatung – und wohl auch für Paartherapien – angesehen, dass bei beiden Partnern die Einsicht da ist, dass nicht nur ein Partner die Probleme der Ehe verantwortet, sondern dass beide Schuld tragen und dass beide Parteien sich gleichermaßen bemühen müssen. Zudem muss die Akzeptanz des Beraters selbst gegeben sein – bei beiden Partnern.

Und es scheint vor einer Eheberatung sinnvoll zu sein, sich darüber klar zu werden, was eigentlich das Ziel der Beratung sein soll. Und ebenso darüber, ob es realistisch ist, damit zu rechnen, dass man dieses Ziel erreichen kann.

Anonym durchgeführten Befragungen zufolge (Projekt Theratalk, Institut f. Psychologie, Universität Göttingen) tauchen in Beziehungen drei Themen besonders oft als Probleme auf: Sex und Erotik (49%), Gesprächsverhalten bei Beziehungsproblemen (48%) und die Art und Weise, in der Kritik und negative Emotionen geäußert werden. Zugleich waren diese drei Themen nicht nur die meistgenannten, sondern auch diejenigen, bei denen die schwersten Probleme auftraten.

Betrachtet man nun diese Befragungsergebnisse nicht isoliert, sondern bezieht die (durch Studien belegten) Erfahrungen mit ein, dass etwa die Hälfte aller in einer Partnerschaft lebenden Männer und Frauen schon mindestens einmal Sex außerhalb ihrer Beziehung hatten, dann sind zwar diese fremdgehende Hälfte und die 49%, die laut Theratalk Sex und Erotik als Problem nannten, sicherlich nicht deckungsgleich. Aber es ist allen Erfahrungen nach davon auszugehen, dass es eine große Überschneidung zwischen beiden Gruppen geben dürft, zumal andere Studien aussagen, dass Fremdgehen als häufige Ursache eben gerade eine problematische Situation in Sachen Sex und Erotik innerhalb der Beziehung hat.

Sollte also – und das dürfte nicht eben selten der Fall sein – das Fremdgehen eines der Partner Ursache oder zumindest Teil der Eheprobleme sein – wäre es dann nicht sinnvoll, sich bereits vor Beginn einer Eheberatung oder einer Paartherapie klarzumachen, dass die Erfahrung zeigt, dass es sich beim Fremdgehen vielfach nicht um ein einmaliges Phänomen handelt? Sondern dass man trotz besten Absichten aufgrund der Erfahrungen trotz der Eheberatung mit einer Wiederholung rechnen muss? Und dass man sich fragen sollte, ob man mit einem wiederholten Seitensprung leben kann und will und zwar, bevor man eine Eheberatung aufsucht oder eine Paartherapie beginnt?

Ebenso, wie man sich die Frage stellen sollte, ob man selbst denn überhaupt bereit und in der Lage ist, sein Gesprächsverhalten nachhaltig zu ändern – ebenfalls eines der meistgenannten Partnerschaftsprobleme. Und ob man seinem Partner ebenfalls die Fähigkeit zur Änderung überhaupt zutraut. Ohne sich im Vorfeld einige ernsthafte Gedanken zu machen, muss daher wohl eher davon abgeraten werden, sich die Mühen und Kosten einer Eheberatung aufzubürden - und kostenlos ist sie selten.

Wenn jedoch die Entscheidung gefallen ist, dann kann es sinnvoll sein, sich bei der Suche nach einer passenden Eheberatung an Diakonie und Caritas zu wenden. Maßnahmen in Trägerschaft der Kirchen sind häufiger nicht-kommerziell ausgelegt. Sollte also die Eheberatung über eine Einrichtung der Kirche, Diakonie oder Caritas erfolgen, könnte man Glück haben, dass man zumindest auf der Kostenseite glimpflich davonkommt. Ob kostenlose Eheberatungen immer die besten sein müssen, ist dann wieder ein anderes Thema. Es kann auf jeden Fall nicht schaden, sich darüber klar zu sein, dass die Kirche zur Ehe und Familie eine besondere Beziehung hat – und dass daher die Trennung nicht unbedingt eine beliebte Lösung aus kirchlichem Blickwinkel sein muss.

Und manchmal kann es tatsächlich ein Erfolg sein, wenn man in der Eheberatung die Trennung als Lösung erkennt und einsieht, dass ein Festhalten an der gescheiterten Beziehung nicht sinnvoll ist.

Das Problem der Eheberatung dürfte daher weniger die geringe Zahl von Ehen sein, die nach der Beratung fortbesteht. Auch nicht die Eheberatung selbst. Sondern die Erwartungshaltung, mit der viele Betroffene sie aufsuchen. Sie ist kein Zauberstab, der alle Wunden heilen lässt. Aber die Erfahrungen zeigen: Eheberatung kann auch sinnvoll sein, wenn man sich “ergebnisoffen” auf sie einlässt. Als “Superkleber” für zerbrochene Beziehungen taugt sie – die Zahlen belegen es – dagegen nicht.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

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