E-Zigarette: Apotheke bald letzter Rückzugsort?

E-Zigarette: Apotheke bald letzte Bezugsquelle?

zuletzt aktualisiert: 16.12.2011

Die E-Zigarette nur noch aus der Apotheke - das könnte bald Realität werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stufte nun zumindest ein E-Zigaretten-Modell als zulassungspflichtiges Arzneimittel ein.


Der E-Zigarette droht die Apotheken-Pflicht. Nachdem das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nun ein Modell der elektrischen Dampfer zum zulassungspflichtigen Arzneimittel erklärt hat, droht dem freien Verkauf der E-Zigarette das Aus. Die EU-Kommission beschäftigt sich mittlerweile ebenfalls mit der elektrischen Glimmstängel-Imitation. Auch Dr. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg wird in letzter Zeit gerne in den Medien genannt. Zuletzt wurde sie in “DerWesten” mit der Äußerung “E-Zigaretten gehören in den verschlossenen Apothekenschrank und nicht auf den frei zugänglichen Wohnzimmertisch” zitiert. Am Ende der Entwicklung könnte stehen, dass E-Raucher (oder “Dampfer”) künftig nicht mehr so leicht wie bisher an ihre Glimmstängel kommen.

Doch die Aufregung der Experten wirkt mitunter künstlich und nur bedingt sachlich. So zeigt schon die Äußerung von Pötschke-Langer eine Vermischung zweier völlig unterschiedlicher Bereiche: den Verkaufs- beziehungsweise Abgabestellen für E-Zigaretten und deren Ge- und Verbrauchsorten. Denn dass E-Zigaretten auf dem “frei zugänglichen Wohnzimmertisch” verkauft werden, ist - bislang zumindest - wohl eher unwahrscheinlich. Überhaupt ist es überraschend, dass das Deutsche Krebsforschungszentrum sich für zuständig hält, über die E-Zigarette zu richten: Zwar ist es Fakt, dass die amerikanische Food and Drug Administration FDA in ungefähr der Hälfte der von ihr untersuchten “Liquids” krebserregende Nitrosamine gefunden haben will. Doch einerseits zweifeln die Hersteller (verständlicherweise) die Ergebnisse an und selbst Frau Dr. Pötschke-Langer gibt ganz klar zu, dass bislang kaum brauchbare Untersuchungsergebnisse vorliegen. Die dafür nötigen Untersuchungen hat sie auch bereits gefordert - doch solange die Ergebnisse nicht vorliegen, ist es grenzwertig, aufgrund nicht ausreichend vorhandener Daten einschneidende Maßnahmen zu fordern.

 

Die Argumentation des DKFZ ist nicht für jedermann einfach nachzuvollziehen. So führt Pötschke-Langer an, dass die Hersteller der E-Zigarette und der dazugehörigen Liquids den Verbraucherschutz missachten, wenn sie nur vage über Inhaltsstoffe informieren. Doch sind die vorrangigen Aufgaben eines Krebsforschungszentrums tatsächlich der Verbraucherschutz und die Kontrolle der Inhaltsangaben eines Produktes? Und: Mutet es nicht seltsam an, wenn ausgerechnet ein Krebsforschungszentrum unabhängige Untersuchungen fordert, um die Risikolage besser beurteilen zu können, aber offenbar schon ohne vorliegende verlässliche Daten offensiv Stellung bezieht? Überhaupt: Was ist eigentlich wirklich die Aufgabe des DKFZ?

Die Mitarbeiter des DKFZ “erforschen [...] wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken.”  - so beschreibt es das DKFZ selbst auf seiner Website. Oder, wie es die Satzung des DKFZ formuliert: “Zweck der Stiftung ist es, Krebsforschung zu betreiben.” Die Rolle, die das DKFZ in der Diskussion um die E-Zigarette einnimmt, ist dazu geeignet, den neutralen Beobachter zu verwundern. Denn weder scheint das DKFZ selbst in Sachen E-Zigarette Forschung zu betreiben - sonst wäre der Ruf nach unabhängigen Untersuchungen vermutlich überflüssig -, noch liegen offenbar wirklich stichhaltige Belege für krebserregende Substanzen in der E-Zigarette vor, die es geraten erscheinen lassen würden, dass ein Krebsforschungszentrum auf den Plan tritt. Zumal dann auch nicht mit dem Thema “Inhaltsangaben und Verbraucherschutz” argumentiert werden bräuchte, sondern womöglich stichhaltige Argumente aus dem eigentlichen Kernarbeitsgebiet der Heidelberger Forscher angeführt werden könnten.

Vielleicht aber ist die ganze Aufregung um die E-Zigarette auch nur ein Manöver, mit dem Schadensbegrenzung betrieben werden soll - und das praktischerweise geeignet ist, von eventuellen eigenen Versäumnissen abzulenken. Denn wie Pötschke-Langer selbst einräumt, hat “die Entwicklung [...] uns alle überrascht und überrannt.” Nur - dafür kann die E-Zigarette als solche nur bedingt etwas - die ist nämlich keine brandneue Erfindung, sondern wenigstens schon seit etwa 2003 bekannt. Doch erst in jüngerer Zeit scheint sich Widerstand gegen die E-Zigarette auf breiter Front zu formieren. In Deutschland etwa hat dasselbe Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das nun ein E-Zigaretten-Modell als zulassungspflichtiges Arzneimittel eingestuft hat, noch 2009 die Auffassung vertreten: “Die E-Zigarette wird derzeit als Genussmittel vertrieben. Die Abgrenzungsfrage, ob dies zulässig ist, liegt nicht im Verantwortungsbereich des BfArM.“ (Voten des Sachverständigen-Ausschusses für Verschreibungspflicht nach § 53 AMG, 62. Sitzung, 13.01.2009). Wurde bei der E-Zigarette also die Problematik schlichtweg lange Zeit einfach falsch eingeschätzt? Oder wurde einfach versäumt, rechtzeitig dringend notwendige Untersuchungen in die Wege zu leiten? Oder wurde gar die E-Zigarette -  sicherlich ein völlig abwegiger Gedanke - erst zum Problem, als sie begann, zum Verkaufsschlager zu werden?

Völlig zu ignorieren scheinen die Experten dabei Forschungsergebnisse, die in eine ganz andere Richtung deuten - wenigstens sind keine lauten Dementis zu vernehmen: Zachary Kahn und Michael Siegel werteten Untersuchungen über Inhaltsstoffe von E-Zigaretten aus und kamen zu dem Ergebnis, dass der Dampf aus einer E-Zigarette durchschnittlich nur etwa ein Tausendstel der krebserregenden Stoffe beinhaltet, wie sie in Tabakqualm zu finden sind. Auch diese beiden Forscher räumen ein, dass es noch zu wenig Untersuchungsergebnisse gibt, auch diese beiden Wissenschaftler monieren fehlende Angaben über beigemischte Inhaltsstoffe, auch sie betrachten weitere Regelungen zu E-Zigaretten als notwendig - und trotzdem sehen sie Verbotsversuche kritisch: “Die Einzigen, die davon profitieren würden, sind die Zigarettenhersteller, für deren Umsätze die tabakfreie Alternative eine Bedrohung darstellt”, wird Michael Siegel in dem Beitrag “Dampf besser als Rauch” auf dem Portal wissenschaft.de zitiert.

Wenigstens in diesem Punkt irrt der Bostoner Wissenschaftler allerdings: Kappt man die wesentlichen Vertriebswege, etwa indem man die E-Zigarette in die Apotheke verbannt und so die Tabakhersteller vor größeren Umsatzeinbrüchen bewahrt, dann profitiert nicht nur die Tabakindustrie - sondern auch der Bund, der im Jahr 2010 satte 13,5 Milliarden Euro an Tabaksteuer verbuchen konnte. Derselbe Bund nebenbei gesagt, der über das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Deutsche Krebsforschungszentrum DKFZ zu 90 Prozent finanziert.

Um es ganz klar zu sagen: Natürlich ist es sinnvoll und wohl auch notwendig, die E-Zigarette und die in ihr verdampfenden “Liquids” einer genaueren wissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen. Und ebenso natürlich müssen Maßnahmen ergriffen werden, wenn sich herausstellen sollte, das sie weitaus stärker die Gesundheit gefährdet als bislang bekannt ist. Doch solange belastbare Untersuchungsergebnisse scheinbar fehlen - oder überwiegend nur solche verfügbar sind, die nicht zu der Position einiger Diskussionsteilnehmer passen - wäre es sicherlich wünschenswert, wenn diese sich mit nur schwer nachvollziehbaren Forderungen zurückhielten. Zumal es für den Konsumenten vielfach lediglich eine Erschwernis und eine Verteuerung bedeuten würde, künftig die E-Zigarette aus der Apotheke beziehen zu müssen - ihren Weg auf den “frei zugänglichen Wohnzimmertisch” würde die E-Zigarette wohl oft genug auch aus der Apotheke finden. (cm)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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