Demografie-GKV

Demografie holt die gesetzliche Krankenversicherung ein

zuletzt aktualisiert: 03.02.2011

GKV: Demografie zwingt zu massivem Umbau des Systems

Eigentlich bezeichnet der Begriff “Demografie” eine wissenschaftliche Disziplin. Mehr und mehr jedoch wird der Ausdruck Demografie ebenso als Synonym für die Bevölkerungsentwicklung und – aktuell - deren Überalterung benutzt. Während die Demografie bislang überwiegend in anderen Bereichen – wie der Rentendiskussion – als Schreckgespenst instrumentalisiert wird, wurde der Einfluss der Demografie auf die Entwicklungen in der gesetzlichen Krankenversicherung lange Zeit ignoriert, teilweise sogar geleugnet. Zurecht? Nein, sagen Finanzwissenschaftler. Im Gegenteil – sie zeichnen im Gegenteil sogar ein erschreckendes Zukunftsszenario der gesetzlichen Krankenversicherung – und die Demografie hat einen erheblichen Anteil an der zu erwartenden Entwicklung.

Denn je nach Quelle prognostizieren die Experten einen Beitragssatz, der auf bis zu 44 % im Jahr 2050 ansteigen könnte. Folgen der demografischen Entwicklung, aber auch der stetig ansteigenden Kosten durch medizinischen Fortschritt. Die finanziellen Folgen des medizinischen Fortschritts sehen wir heute bereits deutlich. Immer wieder werden halbherzige Gesundheitsreformen verabschiedet, die für die Versicherten meist entweder Beitragserhöhungen oder Leistungskürzungen bedeuten. Und trotz dieser Bemühungen kommen einige gesetzliche Krankenkassen im Vergleich gar nicht gut weg, wenn es um ihre eigene finanzielle Gesundheit geht. So ist die Krankenkasse DAK in Hamburg seit geraumer Zeit immer wieder Gegenstand der Spekulationen. Doch aufgrund der Demografie geht es auf Sicht um mehr. Es geht nicht allein um das Schicksal einer oder einiger gesetzlicher Krankenkassen, auch nicht um die Frage, ob der Zusatzbeitrag die DAK und andere gesetzliche Krankenkassen, die ihn erheben, letztlich durch massiv einsetzenden Mitgliederschwund in den Ruin treibt. Es geht infolge der Demografie um die Existenz des Krankenversicherungssystems in seiner heutigen Form als Ganzes.

 

Denn egal, ob Professor für Finanzwissenschaft Bernd Raffelhüschen in einer “optimistischen” Annahme Krankenbeiträge von 28% für das Jahr 2040 schätzt, oder ob die Krankenkassenbeiträge zehn Jahre später 44% erreichen, wie es das Fritz-Beske-Institut für möglich hält – bezahlbar ist beides nicht. Vor allem nicht bei Berücksichtigung des Umstands, dass die Demografie auch in anderen Sozialversicherungen zuschlägt und daher auch die Rentenversicherungsbeiträge kaum sinken dürften. Die Last auf die Beitragszahler wird auch dort zwangsweise zunehmen. Denn in beiden Systemen ist das demografische Problem dasselbe: Eine wachsende Anzahl alter und dementsprechend behandlungsanfälligerer Menschen muss von einer schrumpfenden arbeitenden Bevölkerung finanziert werden. Obendrein sorgt der medizinische Fortschritt dafür, dass die Menschen ein höheres Alter erreichen – also längere Zeit Kosten in den Solidarsystemen verursachen. Jedem Einzelnen sei natürlich jeder Tag möglichst gesund verlebter Lebenszeit gegönnt – nur muss er auch finanziert werden. Da passt es überhaupt nicht ins Bild – aber das ist nur eine Randnotiz – dass sich die Bundesregierung 2011 erstmals seit 1949 gezwungen sah, die Beitragsbemessungsgrenze für die gesetzliche Krankenversicherung herunterzusetzen – weil die Bruttogehälter und –löhne in den zwei vorhergehenden Jahren gesunken sind und daran die Grenzwerte gekoppelt sind. Nun bedeuten sinkende Einkommen auch geringere Einnahmen für die gesetzliche Krankenversicherung – bei weiterhin steigenden Kosten. Da kann man nur hoffen, dass die Arbeitseinkommen und mit ihnen die Krankenkassenbeiträge wieder steigen, sonst werden die nächsten Zusatzbeiträge nicht lange auf sich warten lassen.

 

Wenn sie denn überhaupt vermeidbar sind. Denn wie gesagt – der medizinische Fortschritt ist ebenfalls ein Kostentreiber. Die demografischen Auswirkungen werden bislang von der Politik noch nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit bedacht, doch werden die Volksvertreter in den kommenden Jahrzehnten der Demografie auch im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen wesentlich mehr Beachtung schenken müssen. Auch wenn Krisen – und um eine solche handelt es sich ganz gewiss – beim Wähler nicht gut ankommen. Und die zu erwartenden Maßnahmen sind ebenfalls nicht wahlkampftauglich. Denn was bleibt an Alternativen? Demografie- und kostenbedingte Krankenkassenbeiträge zwischen 28 und 44 Prozent sind de facto nicht realisierbar – es wird also nur der Weg der massiven Leistungseinschränkung bleiben, um die Folgen der demografischen Entwicklung aufzufangen. Doch heute schon murren die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen über die hohen Eigenanteile, die sie zu tragen haben, die Foren sind voll von Beschwerden – wie soll das erst werden, wenn aufgrund der Folgen der Demografie weitere drastische Einschnitte beschlossen werden? Und das wird kaum ausbleiben können.

Eine vielleicht gar nicht so gewagte Prognose ist die Umstellung auf eine medizinische Grundversorgung in im staatlichen Gesundheitssystem und einer stark steigenden Eigenverantwortung des Bürgers. Der wird dann gezwungen sein, für seine Versorgungswünsche selbst vorzusorgen.

Einige der heutigen gesetzlichen Krankenkassen dürften allerdings diese vor allem demografiebedingt anstehenden einschneidenden Änderungen nicht mehr erleben: Waren sie zuvor schon finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet, hat die Einführung von Zusatzbeiträgen eine wahre Völkerwanderung in Gang gesetzt, weg von den Zuzahlungskassen. Die DAK alleine hatte Berichten zufolge Anfang Februar 2011 450.000 abgewanderte Mitglieder zu beklagen. Mehr denn je also stehen bei den Kassenmitgliedern die gesetzlichen Krankenkassen im Vergleich - trotz einheitlicher Beitragssätze. Und mehr denn je sind die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen bereit, aus diesem Kassen-Vergleich die Konsequenzen zu ziehen. Ob jede der gesetzlichen Krankenkassen und Ersatzkassen diese Abwanderung überleben wird, darf bezweifelt werden. Demografie hin oder her.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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